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Vor 13 Jahren von Kati Kommentare: 3

Essen gehen

Seit neuestem bestelle ich grundsätzlich als Letzte. Denn bei mir dauert es länger. Langsam sage ich dann meinen Text auf wie ein Weihnachtsgedicht und schaue die Kellnerin dabei möglichst sterbenskrank an: "Ich habe Zöliakie, eine Glutenunverträglichkeit, ich darf  kein Weizen essen, also kein Mehl, keine Geschmacksverstärker. Ist die Soße angedickt? Verwenden Sie Brühe? Sind die Pommes paniert?" Dann folgt in wiederkehrender Form eine der folgenden Reaktionen:

Die Verständnislose

Die Verständnislose starrt mich an. Wenn sie asiatisch ist, nickt sie sehr viel und freundlich und schreibt "kain glutamat" auf ihren Kellnerblock. Ich hoffe, dass die anderen Zutaten auch glutenfrei sind und stoße meine Gabel waghalsig in das Essen.

Ist die Verständnislose deutsch, schlägt sie mir vor, doch einen Salat zu essen. Selbstverständlich wird dieser später mit Brot am Tellerrand serviert. Ich weiß, dass ich den gleichen Teller wiederbekommen würde, wenn ich mich bei ihr beschwere. Meine Freunde entfernen mir zu Liebe das Brot, ich piekse im Salat rum und gebe am Ende kein Trinkgeld.

Die Verschwörerin

Die Verschwörerin zwinkert mir zu. Sie weiß, wovon ich spreche, denn in ihrem Freundeskreis hat einer das gleiche Problem wie ich. Dann kommt sie näher und flüstert mir etwas ins Ohr: "Das geht leider nicht. Wir können nichts mehr ändern. Ist alles schon fertig." Wenn ich nach einer Buttersoße fürs Steak frage, schüttelt sie bemitleidend den Kopf. Wenn ich meine Freunde nicht überreden kann, doch die Location zu wechseln, bestell ich eine Ofenkartoffel aus der Mikrowelle.

Die Panische

Die Panische zuckt nervös mit den Augenlidern und erkundigt sich erst mal über die Auswirkungen meiner Krankheit. Sie will ein bisschen beruhigt werden. Ich versichere ihr, dass im Grunde nichts Schlimmes passieren kann. Das Wort Durchfall erwähne ich meinen Tischnachbarn zu Liebe meist nicht. Hat die Panische ihren Schock überwunden, ist sie sehr hilfsbereit und rennt wegen jeder Zutat zwischen mir und der Küche hin und her. Aus Sicherheitsgründen schlägt sie vor, Beilagen, Gewürze und Soßen völlig wegzulassen. Am Ende befindet sich lediglich ein trockenes Stück Fleisch auf meinem Teller.

Die Professionelle

Die Professionelle nickt wortlos und kehrt mit einer Nährstofftabelle zurück. Die Auswahl auf der glutenfreien Karte ist zwar deutlich reduziert, aber garantiert unbedenklich. Die Professionelle weist mich außerdem daraufhin, dass ich die verschiedenen Menüs auch kombinieren kann. Nach dem Essen wedelt sie freudig mit einer glutenfreien Dessertkarte. Aus strategischen Gründen bestelle ich also einen Nachtisch. Ich muss das Restaurant ja in ihrem Bemühen unterstützen und meinen Nachfolgern die relativ große Auswahl erhalten. Auf Dauer ganz schön teuer.

Die neue Freundin

Meine neue Freundin war am Anfang genervt. Ich war eine ihrer anstrengendsten Gäste, hielt den Bestellvorgang unnötig auf, äußerste Extrawünsche... Seitdem ich eher zufällig an drei aufeinanderfolgenden Tagen bei ihr das gleiche bestellt habe, kennt sie mich. Und sie ist stolz, dass sie weiß, wenn ich zur Tür reinkomme, was ich bestellen werde und was ich nicht vertrage. Mittlerweile bestelle ich mit einem Nicken oder "wie immer". "Pad Thai ohne alles nur mit Salz" brüllt sie dann den hinter ihr werkelnden Köchen zu. Beim letzten Mal hat sie gelacht und mich gefragt, ob das denn so überhaupt noch schmeckt. Der einzige Nachteil: immer wenn ich bei ihr bestelle, muss es T.30 sein.

Gehst Du gerne essen? Wie bestellst Du richtig? Welche Erfahrungen hast Du mit Kellnern und Köchen gemacht?

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anna Hallo Kati,
toller Beitag. Gehe selber nicht mehr essen. Will meine mittlerweile (seit Diagnose) gute Gesundheit und Leistungsfähigkeit nicht im russisch Roulettspiel "essen gehen" aufs Spiel setzen. Vor 10 Jahren
Blondi Hallo,
ich geh sehr gerne Steak essen.
Mit Salz und Pfeffer gewürzt.
Und eine Ofenkartoffel dazu. Mit Sauerrahmdip, muss man halt fragen obs geht.
Aber ich muss auch sagen dass es manchen echt egal ist.
Ich hab ja noch Glück/Pech gehabt: hab keine Symptome wenn ich falsch esse.
Aber dann weiß ich auch nicht wenn mich jemand übers Ohr haut oder mir zufällig ein Fehler passiert.

Übrigens suche glutenfreie Restaurants in Ulm und um Ulm herum.
kennt da jemand was?
DANKE Vor 13 Jahren
N. Ich gehe seit der Diagnose extrem ungerne Essen. Denn es gibt nun mal auch den Typ "Gefährlich" - das sind in meinen Augen die Kellner, die einen nicht mit dem Koch direkt sprechen lassen, obwohl man ihnen ansieht, dass sie überfordert sind.
Dann behaupten sie irgendwann, dieses und jenes Gericht sei glutenfrei, einfach, um von meinem Tisch loszukommen... und ob sie mit ihrer Raterei und ihrem gefährlichen Halbwissen richtig lagen, merke ich meist erst hinterher.

Allerdings habe ich auch gute Erfahrungen gemacht. Es gibt tatsächlich Restaurants, die ihre Gerichte komplett selbst zu bereiten, und Personal, das über Ernährung und Diäten aufgeklärt ist.
Und vor allem: Es gibt auch immer mal wieder Menschen, die selbst betroffen sind. Das sind natürlich die allerbesten Kellner! ;)

Mein Vorsatz ist daher, wieder mehr Spaß am Essengehen haben zu können und es öfter zu probieren. Natürlich nie, ohne vorher anzurufen und vorzuwarnen.

Ach ja: Und am Allerbesten ist Indisch essen gehen! Ist eh fast alles glutenfrei außer dem Naan-Brot, und Inder und Pakistaner wissen oft viel besser über Unverträglichkeiten wie Zöliakie Bescheid als Deutsche! Vor 13 Jahren

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Dieser Artikel wurde von Kati geschrieben

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